Robin Mindell zur Qualitätssicherung in der Psychotherapie.Download des Artikels als PDF Qualität im Gesundheitswesen bedeutet eine entsprechend sichere, ausreichende und zweckmässige, d.h. patienten- und bedarfsgerechte Versorgung. Diese muss an Lebensqualität orientiert sein, fachlich qualifiziert durchgeführt werden, aber auch ökonomisch umsetzbar sein. Sie muss in jedem Fall das Ziel verfolgen, die Wahrscheinlichkeit erwünschter Behandlungsergebnisse bei Individuen und in der Gesamtbevölkerung zu erhöhen. "Qualität" in der Psychotherapie bezieht sich sowohl auf psychotherapeutische Leistungen als auch auf die internen Prozesse einer Organisation und ist definiert als das Mass, in dem der betrachtete Prozess bestimmten Anforderungen genügt. Diese Anforderungen müssen explizit definiert sein wie zum Beispiel in den ethischen Richtlinien, wie sie in der Psychotherapie eingeführt wurden. Bei diesen Regelungen handelt es sich um qualitätssichernde Massnahmen. Sie beschreiben den Versuch, gültige Werte und Anforderungen für die Psychotherapie zu klären, indem sie sich damit beschäftigen, was gutes oder schlechtes Handeln ausmacht. In der therapeutischen Begleitung muss den subjektiven Werten primäre Bedeutung zukommen. Demgegenüber muss im Falle der Qualitätssicherung von therapeutischen Handlungen dem objektiv-phänomenologischen Gesichtspunkt Vorrang gegeben werden. Wenn es um die Einhaltung allgemeingültiger ethischer Richtlinien geht, sind objektive Sachverhalte massgebend. Zum Stand der Qualitätssicherung in der Schweiz: Dabei ist Angst hier fehl am Platz. Denn die Kontroverse bewirkt das Umgekehrte. Der Berufsstand wird durch die Skepsis an der Güte therapeutischer Leistungen und daraus resultierenden Transparenz gestärkt. Die traditionelle Psychotherapie ist gefordert, ihre eigene Undurchsichtigkeit einer qualitativen Evaluation auszusetzen. Tatsache ist: Viel zu oft wird verschwiegen, was sich im geschützten therapeutischen Raum und hinter dem Vorhang therapeutischer Begegnung abspielt. Die Beschreibung erfolgreicher Therapieverläufe in der Literatur ist dabei nicht geeignet, die Garantie authentischer Wirksamkeit der Psychotherapie zu belegen. Dabei sind vor allem die Patienten die Leidtragenden, da sie nicht genügend über ihr Recht auf gesundes Misstrauen aufgeklärt werden. Wer Zweifel an seinem Therapeuten hegt, gilt als renitent. Welcher Patient wird heute dazu angeregt, akademisches Wissen und psychologisches Handeln in Frage zu stellen? Der Vertrauensvorschuss, den der Therapeut erwartet, widerspricht der Mündigkeit, zu welcher sich der Klient entwickeln soll. Damit werden PsychotherapeutInnen unnötig geschützt. Wie zahlreiche Berichte und die Erfahrung belegen, genügt die Formulierung ethischer Richtlinien nicht, um den adäquaten Umgang mit Patienten zu gewährleisten, wenn es um das Recht auf gegenseitige Skepsis geht. Durch dieses Manko büssen therapeutische Leistungen an Qualität ein. Am dringlichsten stellt sich die Frage nach der Qualitätssicherung in der Psychotherapie, wo wir es mit jungen Menschen und Kindern zu tun haben. Die Möglichkeiten zur verbalen Äusserung sind hier noch im Entstehen, und die Fähigkeit, Skepsis zu äussern, ist erst im Ansatz vorhanden. Es ist daher nicht zweckdienlich darauf zu pochen, dass an althergebrachten Prinzipien psychotherapeutischen Vorgehens festgehalten wird. Ganz im Gegenteil: Das Hinterfragen von Anforderungen an Ethik, Sorgfalt und Aufsicht über therapeutische Leistungen stärkt die Psychotherapie und entwickelt sie zeitgemäss. Bedenken alleine reichen jedoch nicht aus. Psychotherapeutenkreise müssen endlich neue Diskurse über die Frage nach der Qualitätssicherung führen. Das Ethik-Pilot-Projekt der Schweizer Charta für Psychotherapie setzt hier ein hoffnungsvolles Zeichen. Qualitätssicherung in der Spielzeit: Spielzeit - Kinderpsychotherapie SPKD ist ein soziales, gemeinnütziges Therapeutenkollektiv in Zürich, welches seit 22 Jahren Kinder in akuten Notlagen mittels eines spezialisierten spiel- und psychotherapeutischen Zugangs begleitet. Wir unterstützen die Kinder, sich neu im Leben und in der Gesellschaft zurechtzufinden und legen dabei Wert auf die interdisziplinäre Zusammenarbeit mit den Eltern und zuständigen Bezugspersonen wie Lehrern, Ärzten, etc. sowie den Behörden. Unsere therapeutische Tätigkeit beruht auf dem grundlegenden Menschenbild, dass Menschen mit Problemen, Behinderungen oder schweren Krankheiten wie alle anderen Menschen in ihrer Ganzheit und Einmaligkeit geschätzt werden sollen und nicht - im Vergleich zu den so genannt "gesunden" Menschen - als "Mangelwesen" gesehen werden dürfen. Sie haben ein Recht auf wertfreie Akzeptanz und soziale Begegnung jenseits von Leistungsbezogenheit und Zweckorientierung. Die Basis unseres Verstehensansatzes bildet dabei die analytische Tiefenpsychologie nach C. G. Jung und M.-L. von Franz. Was unsere Methodik betrifft, so wählen wird ein konzeptuelles Vorgehen, welches den Bedürfnissen des einzelnen Kind entspricht; so z. Bsp. Grundsätze der humanistischen Psychologie nach Rogers, Perls oder Gendlin, Konzentrative Bewegungstherapie oder bei Bedarf auch verhaltenspsychologische Interventionen. Unser praxisnaher, eklektischer Therapieansatz ermöglicht in der Arbeit ein primär induktives Vorgehen: Dieses setzt keine theoretischen Vorbedingungen an einen Prozess oder ein therapeutisches Setting, sondern ermöglicht eine sekundäre Bildung von Hypothesen und Theorien aus den gemachten Beobachtungen heraus. Erst wenn die damit gewonnenen Hypothesen in ihrer darauf folgenden Anwendung in der Praxis ein sinnerfülltes Verstehen der Therapieverläufe ermöglichen, werden sie als brauchbar erachtet. Allen an einer Therapie beteiligten Personen wird also eine Bedeutung im Sinne einer dynamischen Interaktion zuerkannt. Hieraus entsteht ein Weg, der es gestattet, während der therapeutischen Lösungssuche die Erfahrungen aller Beteiligten mit einzubeziehen. Dies kommt einem wiederholten "Probelauf" gleich. Ausserdem intensiviert und verdichtet dieses Vorgehen den Prozess des empirischen Beobachtens sowie das Erlebnis des Kindes in der Therapie. Das induktive Vorgehen ermöglicht es uns, Krankheiten, Behinderungen und Traumati-sierungen jedes unserer kleinen Patienten wertfrei zu akzeptieren. Mögen einige sich allein durch Laute artikulieren oder durch ihre Körperhaltung, etwa eine Gestik mit dem Fuss - sie fordern unseren Willen zur Kontaktaufnahme heraus! Die fachkundige Kontaktaufnahme mittels verschiedener Kommunikationsmodalitäten wird in der Spielzeit elektronisch aufgezeichnet. Dabei kann auch das lautsprachlose Kind "beim Wort" genommen und seiner Botschaft eine Plattform verliehen werden. Dem in Sachen Qualitätssicherung wohl bedeutsamsten Punkt, nämlich der digitalen Aufzeichnung der Sitzung, kommt in der Spielzeit höchste Priorität zu. Hier können unsere Therapeuten ihr Tun zur Diskussion stellen, die Qualität ihrer Leistungen mit anderen überprüfen und durch Supervision transparent verbessern lassen; fernab eigener Eitelkeiten und Schilderungen wird das Kind als Phänomen in seiner Freiheit, sein zu dürfen, ernst genommen und die Wirkung psychotherapeutischer Leistung gesichert. Nicht akademisches Wissen, sondern die Macht der Erscheinung unseres Gegenübers leitet uns in der wissenschaftlichen Erkenntnis und im schwierigen Prozess des Heilens einer verletzten Psyche. Damit können unsere psychotherapeutischen Leistungen als Subjekte den Forderungen einer hoch entwickelten objektiven Ethik genügen. Zürich, im November 2006 Robin Mindell
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